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    «Ich zeichne, was gezeichnet werden muss»

    Martin Cleis stellt in seinem «living:archive» die Werke für seine Ausstellung zusammen. Foto: Sabine Knosala

    PROZ, April 2026, S. 26

    Sabine Knosala

    Zu seinem 80. Geburtstag zeigt Martin Cleis Werke auf Papier aus seinem Archiv und veröffentlicht ein Buch mit Zeichnungen aus sechs Jahrzehnten.

    An einem regnerischen Märztag treffe ich Martin Cleis in seinem Archiv im Ostquai in Kleinhüningen. In Regalen, die bis zur Decke reichen, drängen sich rund 1000 Werke, die Cleis in den letzten sechs Jahrzehnten geschaffen hat. Ein Künstlerleben, verdichtet auf wenige Quadratmeter.

    Und Künstler wollte Cleis schon immer werden. 1946 geboren und in Sissach aufgewachsen, bewunderte er seinen Onkel, der als Kunstmaler im Tessin lebte. Cleis’ Vater liess ihn aber erst einmal einen «richtigen» Beruf erlernen und so wurde der junge Mann Zeichenlehrer. Da Cleis so aber kaum zum freien Arbeiten kam, hängte er seine lukrative Stelle 1973 an den Nagel.

    Geduldig wartete der frischgebackene Vollzeit-Künstler danach auf seine Inspiration. Die wollte sich aber nicht zeigen. Der damals 27-Jährige war auf sich selbst zurückgeworfen und geriet in eine Schaffenskrise. Zwar sorgte ein Aufenthalt in Nordamerika für frische Eindrücke von aussen. So lebte Cleis von 1974 bis 1975 in einem Künstlerhaus in New York und reiste danach durch Mexico.

    Innere Wende

    Zur inneren Wende kam es jedoch erst 1976, als er einen Künstlerfreund in der Toskana besuchte: Cleis, der bewusst keine Malutensilien mitgenommen hatte, fühlte sich inspiriert durch die Landschaft in warmen Erdtönen. Eine neue Freiheit überkam ihn, eine Freiheit, sich von den Stimmen aus der Kunstgewerbeschule zu lösen und zu einer eigenen künstlerischen Sprache zu finden. «Ich hatte das Kind in mir als Quelle meines schöpferischen Schaffens freigelegt, aber mit dem Können eines Künstlers, der sein Handwerk gelernt hat», erinnert sich Cleis.

    Und diese Quelle sollte in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr versiegen: Immer wieder arbeitete der Künstler in Zyklen und widmete sich einem bestimmten Thema. Anfänglich wurden diese Themen noch von aussen an ihn herangetragen. So hatte er sich Ende der 60-Jahre nach einer London-Reise der Pop-Art und Mitte der 70er-Jahre nach einer Amsterdam-Reise dem Diagonal-Kreuz, wie es im Wappen der Stadt vorkommt, als Gestaltungselement verschrieben.

    Auch später sollten Ausland-Aufenthalte eine grosse Rolle in seinem Schaffen spielen, doch entstanden seine Werke dann aus einer inneren Notwendigkeit heraus – beispielsweise reduzierte, lineare Zeichnungen nach einer Japan-Reise. «Ich weiss nicht, was mich antreibt, Kunst zu machen. Ich male und zeichne, was gemalt und gezeichnet werden muss», sagt er und fügt hinzu: «Oft sind mir meine Werke voraus und ich verstehe sie erst Jahre später.»

    Wohnen im Abrisshaus

    Und der Erfolg gab ihm Recht: Cleis arbeitete viel und konnte mal besser mal schlechter von seiner Kunst leben. Dazu trug sicher auch bei, dass er bereits 1975 in ein Haus im Basler Gundeli-Quartier ziehen konnte, in dem er bis zum Abriss gratis wohnen und arbeiten durfte. Rund 15 Jahre blieb er in der Liegenschaft mit Holzheizung und fliessendem, aber kaltem Wasser. Parallel dazu verbrachte er jeweils mehrere Monate pro Jahr im Haus von Freunden in Barcelona. Je mehr Zeit verging, desto grösser wurde jedoch der Wunsch nach etwas Eigenem.

    Zusammen mit anderen Kunstschaffenden kam Cleis auf die Idee, in Arlesheim selbst ein Atelierhaus zu bauen. Wie es aber bei solchen Projekten manchmal so ist, sprangen die anderen wieder ab und Cleis realisierte den Bau schliesslich allein, auf Baurechtsland der Christoph Merian Stiftung. 1989 wurde das Atelierhaus mit insgesamt acht Wohnateliers eröffnet. Davon bezog der Künstler selbst zwei, wobei er eines davon in den 90er-Jahren dem Lokalfernsehen NordWest 5 zur Verfügung stellte.

    Lebendiges Archiv

    Seit 2016 lebt und arbeitet Cleis nun in Weil am Rhein, wo er sich auf den Spuren seiner Wiesentaler Vorfahren ein neues Wohnatelier einrichtete. Doch wohin mit all der Kunst, die er in den Jahrzehnten zuvor geschaffen hatte? Zuerst wollte der Pensionierte ein «Nachlassarchiv Markgräflerland» gründen, was jedoch nicht gelang. «Dann fange ich halt mit mir selbst an», sagte er sich und mietete für seine Werke einen Raum in Kleinhüningen.

    «Living:archive» nennt er sein Archiv im Ostquai und der Name ist Programm, denn der Ort lebt: Aktuell hat Cleis Arbeiten auf Papier ausgewählt, die er als «Tapas of Art», also Kunsthäppchen, in der Galerie Mollwo in Riehen zeigt. Und pünktlich zu seinem 80. Geburtstag am 5. April präsentiert er das Buch «EntwicklungsLinien» mit Zeichnungen aus sechs Jahrzehnten.

    Gleichzeitig zieht er einen «Schlussstrich» unter seine aktive Ausstellungstätigkeit. Cleis betont aber: «Künstler zu sein, ist für mich eine Haltung im Leben und dem Leben gegenüber. Kreativ nach Lösungen zu suchen, heisst mehr, als nur mit Pinsel und Stift umgehen zu können. Ich werde nicht aufhören, kreativ zu sein.»

    Martin Cleis, Ausstellung «Tapas of Art»: bis So. 19.4.2026, Buchpräsentation «EntwicklungsLinien» So. 5.4.2026, 15:00, Galerie Mollwo, Riehen, www.mollwo.ch, www.martincleis.de

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